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Ulrike Linnenbrink

Hunger


Ellen ließ sich matt gegen die Kühlschranktür sacken, senkte den Kopf, schloss die Augen und atmete schwer.
Ein paar Augenblicke lang stand sie da – barfüßig mit vor dem flachen Bauch verschränkten, schweißfeuchten Händen, großzügig umspielt von ihrem bis zum Boden reichenden, purpurroten Nachthemd.
Die Schulterknochen beulten den Stoff ein wenig aus, wie Dachsparren, die an einem Rohbau ein Stück hervorspringen, und ihre Augen hatten sich tief in dunkle, traurige Höhlen zurückgezogen. Ihr Anblick hätte ohne das stete Heben und Senken ihres Brustkorbes an eine zu hager geratene, tief in sich versunkene Madonnenstatue erinnert.
Nicht um zu beten hatte sie die Finger ineinander verschränkt, obwohl man das dem äußeren Eindruck nach zunächst vermuten konnte. Nein, um sie unter Kontrolle zu halten, um sich selbst daran zu hindern dieser Versuchung spontan nachzugeben, die in ihr Blasen warf und gärte wie Wochen alte, in Käse übergehende Milch.
Die äußere Ruhe täuschte. In Ellens Innerem spielte sich ein verzweifeltes Ringen ab um Wollen, Können, Müssen, Dürfen. Um das uralte, und doch immer wieder neue alltägliche Problem.
Vielleicht hätte sie dieses Foto nicht dort ankleben sollen. Großformatig, realistisch, brutal. Wie ein Willst-du-das-wirklich?-Schau-genau-hin!-Plakat, das sie in einem ihrer zahlreichen Anfälle selbstkritischer Verzweiflung als einen Ausweg, als eine Möglichkeit angesehen hatte. Ein Schritt auf dem Weg vielleicht, aus dem - wie sie fand - Abstoßenden zu lernen, sich aufhalten, sich in der eigenen Gier bremsen zu lassen, sich selbst wieder mögen zu können - irgendwann ...
Aber warum nur sollte sie so verteufelt hart mit sich sein? Warum sich abschneiden von den Genüssen, die dem Leben, ihrem Leben, zumindest im Ansatz Sinn und Gehalt gaben, und vor allem: Für wen?
Da gab es niemanden, dem zuliebe sich ein derart schmerzhafter Verzicht, eine solche Selbstkasteiung angeboten oder gelohnt hätte? Jede Menge Lücken in ihrem Dasein. So weit sie zurückdenken konnte, klemmende, leere Schubladen in ihrer Seele.
Vielleicht hatten die anderen ja doch Recht, wenn sie sagten, sie sei gar nicht zu dick. In ihrer Zerrissenheit, in der Verlockung dessen, was hinter der Kühlschranktür an lukullischen Streicheleinheiten auf sie wartete und sie in diesen verdammten Zwiespalt brachte, zog Ellen für einen Moment selbst diese Möglichkeit in Erwägung. Vielleicht war sie ja wirklich nicht zu dick ...
Und wer oder was vermochte sie neben den kulinarischen Genüssen mit einem vergleichbaren Gefühl, einer solchen Befriedigung zu beschenken? Was sonst außer dem Geschmack von Schokoladen-Soufflee, Vanilleeis mit Mandelsplittern, Griesbrei mit Apfelstückchen, oder Hering in Gelee verschaffte ihr dieses unbeschreibliche innere Glück, was füllte die Leere – zumindest ein wenig – und entführte sie auf diese Reise der Sinne, die ihr für Momente zurückzukehren half, zurück in eine vergangene, verlorene Welt, in das unerschöpflich erscheinende Schlaraffenland des Geliebt- und Umsorgtwerdens bei der Großmutter. Welch herrliche Zeit in all der Trauer, die es damals gab.
“Du musst essen Kindchen! Sieh nur, wie dünn deine Ärmchen sind, deine Beinchen. Die Stelzen des Storches, der im Sommer bei Overmeyers auf dem Schornstein nistet, sind fett dagegen, glaub es mir. Gott, wenn doch nur deine Mutter noch lebte! Nimm noch etwas, ihr zuliebe. Fall mir nicht vom Fleische, ich wüsste nicht, wie ich ihr das erklären soll.” Und dabei hatte es diesen immer wiederkehrenden, typischen Seufzer in Richtung Himmel gegeben.
Pfannkuchen-Variationen bis zum Abwinken. Mal mit Zimt bestreut, mal bestrichen mit der selbst gemachten Marmelade, der geballten Ladung herbstlicher Freuden aus Großmutters Garten. Zartestes Gemüse, Hühner- oder Schweinebraten, fantasievoll komponierte Eintöpfe, wie niemand anderes sie zubereiten konnte. Leicht angebrannt zwar immer, mit “dem Gewürz der Seligen”, doch diese “Zutat” machte das Geschmackserlebnis rund und vertraut, war für Ellen zum unverzichtbaren Teil des kulinarischen Vergnügens geworden, und so ließ sie ihre Eintöpfe auch heute noch regelmäßig am Boden ein wenig anhängen. Das alles war Streicheln, Liebkosung, Wärme.
Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Sie schluckte, fuhr mit der Zunge über die spröden Lippen, fühlte, wie sich ihre Haut am Rücken zusammenzog, wie sich dort und an den Armen entlang kleine wohlige Erhebungen bildeten, so, als würde eine unsichtbare Kraft an den feinen Härchen ziehen.
Sie spürte das Kribbeln auf ihrer Haut, als streiche jemand sanft mit einer Feder darüber hinweg, begann in der Erinnerung wie eine Katze zu schnurren. Speichel sammelte sich in ihrem Mund. So verschwenderisch, als habe sie einen Schluck Wasser zu sich genommen. Ihre Finger lösten sich aus der gegenseitigen Umklammerung, befreiten sich zur Aktion.
Schwimmbad? Wann war ich zum letzten Mal im Schwimmbad? Ich geh doch sowieso nicht hin. Viel zu voll und viel zu laut und viel zu öffentlich und überhaupt ...
Mit einem entschlossenen Ruck riss die Kühlschranktür auf, griff gierig nach der Schüssel mit dem Kartoffelsalat, dem Teller mit den Frikadellen, dem Käse, dem Schokoladen-Pudding, der Dose mit dem Fisch in Tomatensoße, dem Olivenglas ... Drückte mit der Schulter den Kühlschrank wieder zu. Rutschte daran herab bis sie im Schneidersitz auf dem Küchenboden saß, fischte das bereitgelegte Besteck vom niedrigen Schränkchen neben sich, schaufelte ein Kartoffelsalatgebirge zu den Fleischklöpsen und stopfte hastig in sich hinein.
Alles!
Erschöpft und satt wie ein überdüngtes Feld lehnte sie sich zurück, hielt sich den Bauch als wolle sie eine Granate am Bersten hindern und ließ in einem ausgiebigen Rülpser die überschüssige Luft aus dem Magen.
Ein unangenehmes Gefühl breitete sich in ihr aus, überschwemmte sie wie eine heiße, wütende Flutwelle. Da war plötzlich wieder diese andere Ellen in ihr. Dieser moralisierende Anteil ihres Ichs, dieser Anti-Zwilling. Hatte er soeben für Momente tief narkotisiert geschlummert - besiegt, geschlagen im Kampf um die Entscheidung - so erwachte er nun wieder, wuchs wie der Geist aus der Flasche, wurde größer, mächtiger, vorwurfsvoller mit jeder Sekunde ...
Ein Gefühl wie vom Saft saurer Gurken unter ihrer Zunge. Die verschlungenen Köstlichkeiten suchten nach einem Ausweg, schienen ihn gefunden zu haben, begannen wie Lava hoch zu kochen. Ein Gefühl wie vom Saft saurer Gurken unter ihrer Zunge.
Ellen beeilte sich, auf die dürren Beine zu kommen, stürzte hinüber ins Bad, riss den Klodeckel hoch, bückte sich ...
Nein, heute brauchte sie den Finger nicht.



erschienen im Band "Spinnenküsse":
http://www.gipfelbuch-verlag.de
http://www.literatur-fast-pur.de
http://www.tage-wie-diese.de